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3.1. Vorhaben

Aktualisiert: 19. Feb. 2023



Eine oberflächliche online Recherche über Glitch Art ergibt ein gleichzeitig klares Bild von Designmitteln, nebst Anleitungen auf der einen Seite und ein diffuses Gemenge an unterschiedlichen Medienverbünden, sowie Begriffs- und Genrezuordnungen auf der anderen. Es ist jedoch kaum abzustreiten, dass auf diversen Blogbeiträgen von Design-Webseiten, in Beschreibungen von Applikationen zur Bild- und Videobearbeitung und in Tutorials diverser Formate Glitch Art breit vertreten ist. Die visuelle Ästhetik zieht sich dabei über die unterschiedlichsten Plattformen hinweg und vermittelt im Gestaltungstrend der Störung eine gewisse Homogenität der vielseitigen Prozesse, aus welchen Glitch Art hervorgeht und die ihr zugeteilt werden.


Aus dieser Ambiguität von Diversität und Stil-, respektive Genrezugehörigkeit werden eine oder mehrere begriffliche Unschärfen von Glitch Art ersichtlich, auf welche es hier genauer einzugehen gilt. Der Deckmantel Glitch vereint Prozesse, welche im weitesten Sinn mit einer Störung eines Systems – in der Regel sind damit digitale gemeint – zusammenhängen und dieses dadurch wahrnehmbar machen. Doch Glitch geht weiter als das, was sich Glitch Art für ästhetische, wissenschaftliche und politische Zwecke aneignet. Ebenso ist bei weitem nicht jedes Beispiel einer Glitch Art ein Glitch im strengeren Sinn. Wir haben es also mit einer doppelten Unschärfe zu tun. Nicht jeder Glitch ist Glitch Art und nicht jedes Beispiel von Glitch Art ist ein Glitch im strengen technischen Sinn. Dies mag in seiner Kürze vorab nachvollziehbar erscheinen, oder deshalb vielleicht gerade logisch fehlerhaft. Es dient jedoch der Annäherung an das breite und diffuse Gebiet von Glitch Art, indem es zwei Kontexte beachtet und dabei zwei Ansätze verfolgt.

Einerseits die Entstehung und Produktion von Glitches und deren mögliche Adaption für künstlerisches Schaffen, worin die Frage nach dem technisch-spezifischen am Glitch enthalten ist. Andererseits die Konstitution von Glitch Art als Genre, worin diskursive, soziale Konstruktionen eine Rolle spielen, zu denen nicht zuletzt wissenschaftliche Abhandlungen über das Thema gehören. Weil in beiden Fällen Prozesse, die kontinuierlicher Transformation unterliegen, eine Rolle spielen, geht dieses Kapitel der Frage nach: Wann ist Glitch Art?

In dieser Abkehr von der ontologisch behafteten Frage nach dem Was stecken drei Implikationen, die durch die gesamte Arbeit mäandern. Erstens ist dies die Frage nach dem historischen Zeitpunkt von Glitch Art; die Frage danach, was mit und an Glitch Art bereits behandelt wurde und in welchem Verhältnis dazu die gegenwärtige Situation, wie auch diese Forschung steht. Aufgrund der engen Verbindung und zahlreichen Überlappungen von Glitch Art Forschenden und Glitch Art Praktizierenden ist die Grenze zwischen der Geschichte von Glitch Art und der Geschichte von Glitch Art Forschung sehr durchlässig. Zweitens steckt darin die Frage nach dem Kontext und den Strategien, die Glitch und Glitch Art von anderen Begriffen, Genres oder Stilrichtungen abgrenzen, die also nach den Merkmalen und Konventionen, aber auch den Überlappungen und den verwischten Grenzen fragt. Wann ist es Glitch Art und wann beispielsweise Generative Art oder unbeabsichtigter Noise oder schlicht und einfach die sinnlich wahrnehmbar gewordene Materialität eines Mediums, respektive Medienverbands. In dieser Frage steckt ebenso das Bedürfnis, die Begriffe klarer zu umreissen und beispielsweise zwischen Noise, Glitch und Error zu differenzieren. Und mit dieser zweiten Frage zusammenhängend ist die dritte, wann Glitch Art ist – also wann ein Glitch zu einem künstlerischen und kreativen Ausdruck wird und welche Widersprüchlichkeiten oder argumentatorischen Engpässe durch eine solche Frage entstehen. Dabei geht es nicht darum, ob, respektive wann Glitch Art Kunst ist oder nicht, sondern um die Schwierigkeit der Positionierung von Glitch Art als Prozesse und Strategien von Kunstschaffenden, in denen neben produzierten auch gefundene Objekte ausgestellt werden.

Die drei Fragen sind nicht voneinander zu trennen und sortieren mehr die generell zugrunde liegenden Gedanken als den argumentatorischen Aufbau dieser Arbeit. Es ist demnach von Belang, stets die Prozesse, Begriffe und Institutionen zu beachten, welche eine zwischenzeitliche Antwort auf die Fragen nach vermeintlich festen Kategorien, geben. Also wo anfangen? Die meisten bestehenden schriftlichen Abhandlungen zu Glitch Art beginnen entweder mit einer zeitlichen Einordnung, welche oft historisch in der Kunstgeschichte argumentiert, oder mit einer Begriffsklärung des Glitches, die knapp etymologisch verankert, um dann eine Definition zu wagen.


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